Leipzigs gutes Gedächtnis - Eine Gratulation
Egbert Pietsch
Die Leipziger Blätter? Langweilig! Die ganze Last der Tradition. Völlig unzeitgemäß. Aber schön! So oder so ähnlich lautet das Urteil junger Leipziger, wenn es um die Leipziger Blätter geht. Das ist eigentlich wenig verwunderlich, denn in der Tat braucht es meist eine gewisse Lebenserfahrung, um ein tieferes Interesse an Geschichte, am eigenen Herkommen zu entwickeln. Und genau das ist es, wofür die Blätter stehen: ein weiter Kulturbegriff mit besonderem historischen Akzent. Das gute Gedächtnis der Stadt.
Das hier zu feiernde Jubiläum von zwanzig Jahren und vierzig Heften steht dabei gar nicht so im Vordergrund. Weit beeindruckender ist die Tatsache der fast bruchlosen Kontinuität über zwei Systeme hinweg. Überhaupt sind die Blätter, wie sie meist liebevoll von ihren Lesern genannt werden, ein Solitär in der Zeitschriftenlandschaft nicht nur Ostdeutschlands.
Schon ihr erstes Erscheinen im Herbst 1982 ist gelinde gesagt erstaunlich. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, welche bürokratischen Zumutungen da überwunden werden mußten. Noch erstaunlicher scheint es allerdings, daß sie die DDR bis zu deren Ende begleiten durften. Das mutet fast schon märchenhaft an. Natürlich war der Machtapparat der DDR stets gut informiert; es muß hier nur der Name des langjährigen Autors Bernd Weinkauf erwähnt werden. Doch wagte es niemand von oben, die Zeitschrift einzustellen, was gerade Ende der Achtziger nicht besonders überraschend gewesen wäre; das Beispiel Sputnik mag als Beleg dafür genügen. Warum war das so? Eine Zeitschrift dieses Typs war in der DDR eigentlich nicht denkbar. Ein paar engagierte Intellektuelle, die sich mit den Zuständen nicht abfinden wollten, gründen eine Zeitschrift. Ein heute völlig unspektakulärer Vorgang, damals etwas ganz und gar Unerhörtes. Daß es überhaupt klappte, zeugt von einem gewissen Stolz der Lokalbonzen gegenüber der ungeliebten Hauptstadt.
Und selbstverständlich gab es auch peinliche Anbiederungen, so zum Beispiel die reichlich deplaziert wirkenden Elogen zu historischen Randthemen der Arbeiterbewegung. Man weiß heute nicht so richtig, ob man es als Schläue der Redaktion interpretieren soll, wenn SED-Bezirksfürst Schumann weitschweifig über seinen Herrn Papa (in den Zwanzigern und Dreißigern KPD-Chef Westsachsens) parlieren konnte. Blitzsaubere Nomenklaturageschichte, die nicht nur des 1. Sekretärs Eitelkeit tief befriedigt haben dürfte, sondern auch seinen zensorischen Eifer gewiß etwas gemildert hat. Trotz solcher offensichtlicher Pflichtbeiträge fällt auf, daß die meisten Artikel heute noch gut lesbar sind. Und ich kenne nicht wenige Menschen, die eine komplette Sammlung besitzen. Meine steht in der KREUZER-Redaktionsbibliothek.
Von den inhaltlichen Schwerpunkten ist das Engagement für Städtebau und Architektur über die Zeiten hinweg am auffälligsten. Auf diesem gerade in der DDR sehr sensiblen Gebiet haben die Blätter die Meinungsführerschaft bis heute behauptet. Zum Beispiel wurde der Architekturwettbewerb um die Innenstadtbebauung von 1988 ausführlich und kritisch erörtert. Auch heute noch eine lohnende Lektüre. Im scharfen Kontrast dazu stehen die Äußerungen des Stadtarchitekten, der im schönsten ND-Sound die Notwendigkeiten und Machbarkeiten anmahnte. Klar, das Wohnungsproblem stand als ein soziales zur Lösung bis 1990 natürlich ganz im Vordergrund. Der Ton wirkt heute unfreiwillig komisch. Aber das waren damals echte Debatten, ein in der DDR nicht eben häufiges Phänomen.
Auch Peter Guths Beitrag über die Szenarien und Perspektiven des Braunkohleabbaus im Süden Leipzigs wirken aus heutiger Sicht erstaunlich kritisch, weitsichtig und frisch. Zum Glück wendete sich das Blatt, und die Geschichte ging anders aus als damals befürchtet. Unvergessen auch Ulla Heises Serie über die Leipziger Kaffeehäuser oder Wolfgang Schüttes Beiträge zum Kabarettwesen und diversen lokalen Literaturgrößen. Alles noch gültig.
Besonderes Geschick bewies der Chefredakteur jener Jahre, Helmut Richter, bei der Besetzung der städtebaulichen Themen. Thomas Topfstedt und Wolfgang Hocquél waren eine glückliche Wahl. Richter, breiteren Kreisen als Dichter des Karat-Songs »Über sieben Brücken mußt du gehn« bekannt, nannte sich übrigens Cheflektor, wie auch die Redaktion Lektorat hieß. Hauptsächlich Professor am Literaturinstitut und dessen langjähriger Direktor, gründete und leitete er die Zeitschrift nebenamtlich für den E. A. Seemann Verlag bis zum Heft 14, also bis Frühjahr 1989.
Überhaupt fällt auf, daß sich die Blätter über die Zeitenwende von 1989 kaum veränderten. Mußten sie auch nicht. Sicher, es kam zu einem Verlagswechsel. Aber der Kern, die Seele des Blattes, wurde nicht berührt. Deswegen konnten die Leipziger Blätter fast bruchlos weiterexistieren. Der kritische Geist, der ihnen schon immer innewohnte, durfte sich jetzt erst recht austoben. Sehr wohltuend für die Leserschaft.
Seit Herbst 1991 in der Obhut der Kulturstiftung, verfolgten die Blätter in den Neunzigern ihre publizistische Politik weiter. Bis Heft 31 im Herbst '97 geführt vom Musikwissenschaftler Werner Gosch, erlagen sie gelegentlich der Versuchung, allzu gefällig gegenüber ihren Gegenständen zu werden. Am schlimmsten die immer wieder vorkommenden drittklassigen Lokallyriker, die ihre Befindlichkeiten ausbreiten durften. Seit Heft 32 zeichnet die Germanistin Birgit Lönne für die Blätter verantwortlich, was zu einer Profilschärfung und einer stärkeren journalistischen Ausrichtung führte. Dies bekam und bekommt der Zeitschrift gut. Auch die Abonnentenzahl steigt erfreulich.
Worum ich die Blätter wirklich beneide, das ist ihr Verkaufspreis von 20 DM (jetzt 11 Euro). Das mag zunächst einmal viel erscheinen. Ist es aber nicht. Im Gegenteil, es macht die Blätter ziemlich unanfällig gegenüber den konjunkturellen Schwankungen des Anzeigengeschäfts, weil zuallererst die Leser und erst in zweiter Linie die Werbung treibende Wirtschaft die Unabhängigkeit der Unternehmung garantieren. Von der Kulturstiftung hier ganz abgesehen, die den soliden Rückhalt bietet.
Was bleibt zu wünschen übrig? Treue Leser, reiche Inserenten und der ewige Schutz der Stiftung. Der KREUZER gratuliert respektvoll über den Nikolaikirchhof!
