Ein Beitrag in den »Blättern« und seine Folgen

Bernd-Lutz Lange

In der DDR gab es keine regionale Aufarbeitung von jüdischer Geschichte. Als ich in den frühen achtziger Jahren etwas darüber lesen wollte, stellte ich fest, daß es nach 1945 in der Leipziger Öffentlichkeit keinen Überblicksartikel über die Geschichte der Leipziger Juden gab. Die letzte solide Veröffentlichung schrieb Walter Eck für die Zeitschrift »Leipzig« im Jahre 1927.

In der Zeit des Nationalsozialismus erschien im berüchtigten Theodor Fritsch Verlag Leipzig ein entsprechend tendenziöses Buch von Johannes Hartenstein (»Die Juden in der Geschichte Leipzigs«). Der Autor lebte nach dem Krieg unbehelligt in unserer Stadt.

Lediglich Manfred Unger hatte 1963 in der »Zeitschrift für Geschichtswissenschaft« über die Deportationen Leipziger Juden geschrieben. Die Gründe für das Fehlen der Aufarbeitung jüdischer Geschichte waren vielfältig. Zwischen 1948 und 1953, also bis zum Tod Stalins, kam es, so kurz nach der Zeit der Shoah, wiederum zu Repressalien gegenüber jüdischen Menschen. In der CSR und in Ungarn fanden sogar Schauprozesse mit Todesurteilen statt. Man warf den angeklagten jüdischen Kommunisten »Zionismus« und »Kosmopolitismus« vor, sie waren »Agenten« und »Spione«. Keinem nützte die spätere Rehabilitierung... In jener Zeit flohen auch aus Leipzig und der DDR viele jüdische Familien in den Westen. Und Israel selbst blieb sowieso bis zum Ende des Warschauer Pakts ein Feind des »sozialistischen Lagers«. So standen also höchstens in der »Union« einmal Beiträge über die Veranstaltungen der Leipziger Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum, die sich für die Versöhnung zwischen Juden und Christen in unserer Stadt einsetzte, viele Jahre unter dem verdienstvollen Pfarrer Siegfried Theodor Arndt und dem Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinde, Eugen Gollomb.

1985 sprach ich den damaligen Cheflektor der Leipziger Blätter an, ob die Redaktion einen Beitrag zu diesem Thema bringen würde. Helmut Richter war sofort einverstanden, und ich begann mit den Recherchen. Ich nahm Kontakt mit der jüdischen Gemeinde auf. Dort wunderte man sich sehr, daß jemand über dieses Thema schreiben wollte. Ich wurde gefragt, wer mich beauftragt habe. Mit der Zeit glaubte man mir jedoch mein persönliches Interesse, und es entwickelte sich zu Eugen Gollomb ein Vertrauensverhältnis, das mit seinem Nachfolger Aron Adlerstein sogar in eine echte Freundschaft mündete.

Im September 1986 erschien im Heft 9 der Leipziger Blätter mein Beitrag »Juden in Leipzig«. Ich gab einen groben, natürlich lückenhaften Überblick ihrer Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, schrieb über die bedeutenden Leistungen für die Messestadt und über das Leid jüdischer Lebensläufe. Dabei war mir wichtig zu zeigen, daß es »die Juden« nicht gab, sondern arme, reiche und einen großen Mittelstand. Manche waren streng orthodox, andere liberal. Wieder andere wurden Protestanten oder Katholiken, Atheisten oder Marxisten.

Die Resonanz auf diesen Beitrag war groß, nicht nur in Leipzig, wo viele interessiert dieses Stück Geschichte zur Kenntnis nahmen; ich erhielt zu meiner Überraschung auch Post aus der Bundesrepublik, der Schweiz, Israel, den USA und Kanada. Ehemalige Leipziger freuten sich, einen Beitrag über ihre Geschichte zu lesen, und es stimmte mich sehr nachdenklich, als ich in einem Brief las: »...wir dachten, wir sind alle vergessen...« In all den DDR-Jahren gab es ja nie ein Zeichen aus der ehemaligen Heimatstadt an die einst Vertriebenen. Ich erhielt Einladungen, und so verdanke ich meine erste Reise in die Bundesrepublik im Jahre 1987 dem ehemaligen Leipziger Rolf Kralovitz. Nun reifte bei mir der Gedanke an ein Buch über all diese Schicksale, und mit Rolf Kralovitz beginnt denn auch »Davidstern und Weihnachtsbaum«. Aber die Sensation für den nichtjüdischen DDR-Bürger Lange folgte im Frühjahr 1989: Auf Einladung des »Verbands ehemaliger Leipziger« durfte ich nach Israel. Ein Wunder! Ich hielt einen Vortrag über die Spuren jüdischen Lebens in Leipzig und hatte Gelegenheit, viele »Ehemalige« zu sprechen. So viele Bekanntschaften, so viele Freundschaften ergaben sich daraus. Ich dachte, daß ich nie wieder in meinem Leben nach Israel käme, doch ein Jahr später sah die ganze Welt schon anders aus: Ich konnte meinen neuen Freunden meine Frau vorstellen, und drei Jahre später gab das Kabarett-Duo Böhnke/Lange mit dem Pianisten Rainer Vothel sogar ein Gastspiel vor ehemaligen Deutschen in Israel. An einem Abend boten wir den »Leipzigern« Proben aus dem »sächsischen Kulturerbe«. Die Gespräche mit diesen Menschen, ihre Schicksale, ihr Wissen, ihr Humor haben mich unglaublich bereichert.

1988 hatte ich einen zweiten Beitrag in den »Blättern« veröffentlichen können: über die Geschehnisse während des Novemberpogroms von 1938. Ich hatte im Artikel auch die Brandstiftung der Nazis im Konfektionshaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz erwähnt. Henry Bamberger schrieb mir daraufhin aus Los Angeles. Er kam nach der Wende mit seiner Frau Margot nach Leipzig, und seitdem verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Nach einem Kabarett-Gastspiel in den USA waren meine Frau und ich noch ihre Gäste. Auch dieses schöne Erlebnis geht letztlich auf den Beitrag in den Leipziger Blättern zurück: In Beverly Hills saßen wir mit Bambergers in ihrem Tennis-Club. Plötzlich sagte Henry: »Bernd-Lutz, jetzt kommen zwei, die Sie garantiert kennen!« Ich drehte mich um und sah - Jack Lemmon und Walter Matthau mit zwei Leuten den Weg entlangschlendern. Also, es war ja schon aufregend, in Amerika zu sein. Und nun das! Henry Bamberger war mit Matthau gut bekannt, und so kamen wir miteinander ins Gespräch. Unvergeßlich. Lemmon interessierte sich vor allem für Leipzig als Hauptstadt der Revolution. Er verabschiedete sich - ganz Gentleman - mit Handkuß von meiner Frau.

Der Herbst 1989 hat auch für die Israelitische Religionsgemeinde einen völlig neuen Anfang gebracht. Einundvierzig Mitglieder hatte sie noch, als ich 1985 mit den Recherchen für meinen Beitrag begann. Und nun ist sie durch den Zuzug von jüdischen Familien aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wieder die größte Gemeinde Sachsens mit über siebenhundert Mitgliedern. Die Stadt Leipzig finanzierte die Erweiterung der Sitzkapazität im Gotteshaus in der Keilstraße. Und unser Verein »Synagoge und Begegnungszentrum Leipzig e. V.«, der auch von Stadt und Land unterstützt wird, will 800000 Euro für ein Haus sammeln, in dem die Gemeinde und die Leipziger einander im besten Sinne begegnen können. Heute habe ich sogar in meiner Heimatstadt einen jüdischen Freund, mit dem ich ein besonderes Projekt realisieren konnte: »Fröhlich und meschugge« heißt das heitere Programm über jüdischen Humor, das ich mit Küf Kaufmann - die Musiker kommen aus Rußland und Moldawien - jeden Monat einmal in der »Pfeffermühle« spiele.